A-Post aus Deutschland
Multikultureller Fahnenschmuck an einem Wohnhaus in einer deutschen Kleinstadt. "Du arme Sau", steht auf der Postkarte, die mir mein Freund Guschti Pfister geschickt hat. Wer nun wen im Spiel Deutschland-Türkei zur Schnecke machen wird, darüber mag ich als Wanderschaf nicht spekulieren. Allzu schnell gerät man da selber in Teufels Küche.
"Die deutsche Wirklichkeit", schrieb Guschti zum Bild. Was er wohl damit meint? Man könnte auch sagen: türkische oder Schweizer Wirklichkeit. Der Viertelfinal Deutschland - Türkei wird in Basel ausgetragen. Für beide Teams wird es ein Heimspiel. Die Spieler sind schon längstens
global players. Höchste Zeit, den Begriff
Nationalmannschaft im
Sportmuseum zu entsorgen.
In der Kebabzone
Türkische Fans begrüssen im Basler Bahnhof die lautstark herbei
strömenden Anhänger der Schweizer Nationalmannschaft. Zuhause einige
ich mich mit meiner Tochter auf Döner (Tochter: mit Extra-Fleisch) zum
Znacht. Also geh ich zum Türken um die Ecke. Während ich warte, frage
ich den Koch: "Wer gewinnt heute abend. Türkei oder Schweiz?" Er
zuckt mit den Schultern. "Weiss nicht", sagt er und fügt bei: "Weisst
du, ich bin Kurde."
@ Claude Martin & Thomas H.
Claude Martin, vielen Dank, weist in seinem Kommentar zu "Basel beleidigt Architekten" auf eine etwas seltsame
Website hin, die schon am 19. April Fotos von der Sprayerei brachte. Der dortige Autor äussert die Vermutung, der Auspruch richte sich gegen die Architekten Herzog und de Meuron, deren Büro in der Nähe der besprayten Liegenschaft liegt. Und zwar wegen des Baus des Olympiastadions in Peking. Er zitiert dazu ausgiebig aus einem Artikel "
Wieviel Moral braucht Architektur?" aus Zeit online.
Mag sein, dass der Spruch ein Protest gegen das Engagement der Basler Architekten in Peking ist. Jacques Herzog äussert sich in einem
Interview der NZZ vom 7. Juni 2008 . "Haben Sie keine moralischen Bedenken, Ihre Arbeit in China könnte das totalitäre Regime direkt oder indirekt bejahen?", fragt die NZZ. Nein, antwortet Herzog. Er sehe zwei mögliche Haltungen: "Man kann sagen, in einem Land, das nicht unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder moralischen Standards hat, engagiere ich mich nicht. Dann könnte man aber an vielen Orten nicht bauen, im Grunde nicht einmal im Amerika der Bush-Administration. Wenn man aber nach China geht, kann man sich für einen Prozess der Öffnung starkmachen. Im Kleinen - und ich möchte die Architektur nicht überbewerten - macht man das auch mit einem Bauprojekt."
Mich interessiert aber nicht diese Kontroverse, sondern die Tatsache, dass die Stadt Basel als Besitzerin der Liegenschaft diese Aussage, die ehrverletzend ist, an einem prominenten Ort im öffentlichen Raum über so lange Zeit wirken lässt, statt sie zu entfernen. Ich empfinde das als Zumutung für die Bewohner und Besucher der Stadt.
Thomas H. vom
Filmblog schreibt: "Dabei ist aber zu bedenken, dass auf das letzte "heute" der erste "Blick am Abend" folgt. Auch gut so?" Nein, natürlich nicht gut so. Selbstverständlich nicht. Sondern alles noch viel schlimmer.