2007-05-15

Third life: Meierhans stirbt

Von dasSchaf @ 22:55 [ Meierhans ]

Meierhans war sich immer im klaren darüber, dass er nicht im Bett
sterben würde. Dass er enden wird, wie er dann eben endete, hatte er
allerdings auch nicht erwartet. Er stand in der Küche und wusch das
Geschirr ab. Er tat das nicht ungern, denn er konnte dabei durchs
Küchenfenster das Geschehen auf der Quartierstrasse beobachten. Das
Viertel, wo er wohnte, galt als etwas heruntergekommen, aber lebhaft.
Der Blick aus dem Küchenfenster war wie Kino. Meierhans beobachtete
fasziniert, wie vor seinem Fenster ein Auto von zwei andern Autos
eingekeilt und zum Halten gezwungen wurde. Kaum standen die Fahrzeuge
still, öffneten sich die Türen des vorderen und des hinteren Autos.
Bewaffnete Männer sprangen heraus, umstellten das mittlere Fahrzeuge,
zerrten dessen Türen auf, fuchtelten mit Pistolen und schrien auf
einen jungen Mann ein. Dann riss der Film, der Ton verstummte.
Meierhans griff sich an den Hals und sank in ein stummes, schwarzes
Loch. Wie seine Nachbarn später aus den Zeitungen erfuhren, war er
das unglückliche Opfer einer Polizeiaktion gegen Drogenhändler
geworden. Der Schuss, der Meierhans in den Hals gefahren war, hatte
sich gelöst, als die Beamten den mutmasslichen Dealer aus dem Wagen
zerrten. Die Geschichte warf keine grossen Wellen, man war sich in
dem Quartier allerhand gewohnt. Es hatte in den letzten Jahren immer
wieder nächtliche Schiessereien gegeben. Meierhans hatte keine
Angehörigen und wenige Bekannte, niemand stellte Fragen und keiner
vermisste ihn. Die Wohnung wurde geräumt und renoviert und war nach
vier Wochen bereits wieder vermietet.